Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg am 24. Oktober 2001 Dalai Lama
Sehr geehrte Frau Vorsitzende, ehrenwerte Abgeordnete des Parlaments, sehr geehrte Damen und Herren,
es ist eine große Ehre für mich, eine Rede vor dem Europäischen Parlament halten zu dürfen. Ich meine, dass die Europäische Union ein inspirierendes Beispiel für die friedliche Koexistenz verschiedener, sich gegenseitig unterstützender Länder und Völker abgibt und sie berührt Menschen wie mich, die sehr stark an die Notwendigkeit besseren Verständnisses, engerer Zusammenarbeit und größeren Respekts der verschiedenen Länder dieser Welt untereinander glauben, sehr tief.
Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Einladung. Ich empfinde sie als eine mutmachende Geste, welche aufrichtige Sympathie für das tibetische Volk und Besorgnis um dessen tragisches Schicksal ausdrückt. Ich spreche heute zu Ihnen als einfacher buddhistischer Mönch, der in unserer altüberlieferten Tradition geschult wurde. Ich bin kein Experte der Politischen Wissenschaften. Dennoch haben mich mein zeitlebens erfolgtes Studieren und Praktizieren des Buddhismus sowie meine Verantwortung und Einbindung in den gewaltlosen Freiheitskampf des tibetischen Volkes, einiges an Erfahrungen gelehrt und mir Ideen vermittelt, die ich Ihnen gerne mitteilen möchte.
Es ist offensichtlich, dass die menschliche Gemeinschaft in ihrer Geschichte einen kritischen Punkt erreicht hat. In unserer heutigen Welt ist es notwendig, die "Einheit" der Menschheit zu akzeptieren. In der Vergangenheit konnten es sich Gemeinschaften noch erlauben, sich von anderen Gemeinschaften als grundlegend getrennt wahrzunehmen. Aber heute gilt - und die tragischen Vorfälle in den USA zeigen uns dies deutlich -, dass wenn auch immer etwas in einer Region dieser Welt passiert, viele andere Gebiete davon in Mitleidenschaft gezogen werden können. Die Welt wird zunehmend voneinander abhängig. Im Rahmen dieser neuen gegenseitigen Abhängigkeit, liegt es zweifellos im Interesse des Einzelnen, die Interessen des anderen mit zu bedenken. Ohne die Kultivierung und Förderung eines Gefühls der universellen Verantwortung ist unsere unmittelbare Zukunft bedroht.
Ich glaube fest daran, dass wir ganz bewusst ein größeres Gespür für die universelle Verantwortung entwickeln müssen. Wir müssen lernen, nicht nur für uns selbst, für unsere eigene Familie oder Nation zu arbeiten, sondern für das Wohl der ganzen Menschheit. Universelle Verantwortung ist die beste Basis, sowohl für unser persönliches Glück als auch für den Frieden auf der Welt, für die gleichberechtigte Nutzung unserer natürlichen Ressourcen und im Hinblick auf zukünftige Generationen auch für einen angemessenen Umgang mit der Umwelt.
Viele Probleme und Konflikte in der Welt entstehen, weil wir den Blick für die grundlegende Menschlichkeit verloren haben, die uns letztlich alle zu einer menschlichen Familie vereint. Wir neigen dazu, zu vergessen, dass bei aller Verschiedenheit der Rassen, Religionen, Kulturen, Sprachen, Ideologien und so fort, sich die Menschen in ihrem grundlegenden Bedürfnis nach Frieden und Glück gleichen: wir alle wollen glücklich sein und keiner will leiden. Wir streben so gut wir können danach, uns diese Wünsche zu erfüllen. Dennoch, obwohl wir die Vielfalt theoretisch immer würdigen, versagen wir in der Praxis leider sehr oft darin, sie auch zu respektieren. In der Tat ist es so, dass unser Unvermögen, die Verschiedenheit zu umarmen eine beständige Quelle für Konflikte zwischen den Völkern darstellt.
Eine besonders traurige Tatsache innerhalb der menschlichen Geschichte ist die, dass Konflikte sehr oft im Namen der Religion entstanden sind. Sogar heute noch werden aufgrund des Missbrauchs von Religion und dem Aufruf zu Intoleranz und Hass, Individuen umgebracht, ihre Gemeinden zerstört und ganze Gesellschaften destabilisiert. Meine eigene Erfahrung hat mich gelehrt, dass Störungen in der interreligiösen Eintracht am besten überwunden werden können und Verständnis füreinander am ehesten erweckt werden kann, wenn man in den Dialog mit Mitgliedern anderer religiöser Glaubensrichtungen tritt. Da sehe ich auch schon vielfältige Ansätze. Mich selbst zum Beispiel, haben meine Treffen in den ausgehenden 60er Jahren mit dem späten Thomas Merton, einem Trappistenmönch, sehr tief bewegt. Sie haben mir geholfen, eine große Achtung für die Lehren des Christentums zu entwickeln. Ich glaube auch, dass Treffen zwischen den Anführern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und ein Zusammenkommen zum Gebet von einer gemeinsamen Plattform aus sehr wirksam sein können, so wie es etwa 1986 bei der Zusammenkunft in Assisi, Italien, der Fall war.
Der kürzlich abgehaltene "United Nations Millennium Weltfriedensgipfel aller religiösen und geistlichen Führer", der letztes Jahr stattfand, war auch ein lobenswerter Schritt in diese Richtung. Dennoch besteht die Notwendigkeit, noch weitere dieser Initiativen auf regelmäßiger Basis zu gründen. Ich selbst bin, um meinen Respekt vor anderen religiösen Traditionen kundzutun, auf eine Pilgerreise nach Jerusalem gegangen, einem Ort, der drei der größten Religionen dieser Welt heilig ist. Ich habe verschiedene hinduistische, islamische und christliche heilige Stätten besucht, sowie solche der Jain und Sikhs, sowohl in Indien als auch außerhalb Indiens. Innerhalb der letzten drei Jahrzehnte habe ich mich mit vielen religiösen Anführern verschiedener Traditionen getroffen und mit ihnen über Eintracht und inter-religiöses Verständnis gesprochen. Wenn solch ein Austausch stattfindet, wird es den Gläubigen der jeweils eigenen Tradition klar, dass die Lehren anderer Glaubensrichtungen deren Gläubigen ebenso Quelle der spirituellen Befruchtung und ethischer Leitlinien sind. Es wird bei so einem Austausch ebenfalls klar, dass bei aller unterschiedlicher Lehrmeinung und sonstiger Differenzen, alle großen Weltreligionen dem Individuum helfen können, ihn in einen guten Menschen zu verwandeln. Sie alle betonen Werte wie Liebe, Mitgefühl, Geduld, Toleranz, Verzeihen, Demut, Selbstdisziplin und so weiter. Deswegen müssen wir auf religiösem Gebiet das Konzept der Vielfalt ebenso umarmen.
Angesichts unserer neu erwachsenden globalen Gemeinschaft sind alle Formen der Gewalt, Krieg eingeschlossen, vollkommen ungeeignete Mittel, um Streitigkeiten beizulegen. Gewalt und Krieg waren schon immer Bestandteil der menschlichen Geschichte und in früheren Zeiten gab es auch noch Sieger und Verlierer. Dennoch, wenn es heute erneut zu einem weltweiten Konflikt käme, gäbe es nirgendwo Sieger. Deshalb brauchen wir den Mut und die Weitsicht, uns langfristig für eine Welt ohne Atomwaffen und ohne nationaler Armeen einzusetzen. Gerade angesichts der grauenvollen Attentate in den USA sollte die internationale Gemeinschaft den ernsthaften Versuch unternehmen, diese entsetzliche und schockierende Erfahrung dazu zu benutzen, ein Gefühl der globalen Verantwortung zu entwickeln und eine Kultur des Dialogs und der Gewaltlosigkeit zu fördern, um Streitigkeiten zu schlichten.
Der Dialog ist das einzige einfühlsame und intelligente Mittel, um Streitigkeiten und Interessenskollissionen zu beseitigen, sowohl zwischen Einzelpersonen als auch zwischen Völkern. Die Förderung einer Kultur des Dialogs und der Gewaltlosigkeit ist eine der wichtigsten Aufgaben der internationalen Gemeinschaft für die Zukunft der Menschheit. Es genügt nicht, wenn Regierungen das Prinzip der Gewaltlosigkeit auf dem Papier billigen, ohne konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um dieses zu fördern und umzusetzen.
Wenn Gewaltlosigkeit vorherrschen soll, müssen gewaltlose Bewegungen unterstützt werden und es muss ihnen zum Erfolg verholfen werden. Manche halten das 20. Jahrhundert für ein Jahrhundert der Kriege und des Blutvergießens. Ich bin davon überzeugt, dass wir vor der Herausforderung stehen, das 21. Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Dialogs und der Gewaltlosigkeit zu machen.
Darüberhinaus fehlt es uns, wenn wir uns mit Konflikten befassen, sehr oft an rechter Urteilsfähigkeit und an Mut. Wir versagen darin potentiell konfliktreichen Entwicklungen die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, solange sie sich noch in einem frühen Stadium befinden. Sobald sich nämlich einmal alle Umstände soweit fortentwickelt haben, dass sich die Emotionen der darin beteiligten Menschen und Gemeinschaften stark aufgeladen haben, ist es sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, die Explosion einer gefährliche Situation zu verhindern. Diese tragischen Vorfälle erleben wir immer und immer wieder. Also müssen wir lernen, erste Anzeichen potentieller Konflikte zu erkennen und wir müssen den Mut entwickeln, das sich abzeichnende Problem anzusprechen, bevor es an seinen Siedepunkt gelangt.
Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die meisten Konflikte zwischen den Menschen durch einen ehrlichen Dialog beseitigt werden können, der in einem Geist der Offenheit und Versöhnung geführt wird. Ich habe deswegen ständig auf dem Weg der Gewaltlosigkeit und des Dialogs nach einer Lösung für die Tibetfrage gesucht. Gleich zu Beginn der Invasion in Tibet habe ich versucht, mit den chinesischen Führungskräften zusammenzuarbeiten, um zu einer gegenseitigen Akzeptanz und zu friedlichem Miteinander zu gelangen. Sogar als uns das so genannte "17-Punkte-Programm zur friedlichen Befreiung Tibets" aufgezwungen wurde, habe ich versucht, mit der chinesischen Führung zusammenzuarbeiten. Immerhin, in diesem Abkommen hatte die chinesische Regierung die Andersartigkeit und Autonomie Tibets noch anerkannt und versprochen, ihr System dem Land Tibet nicht gegen seinen Willen aufzuzwingen. Trotzdem hat China dieses Abkommen gebrochen, die chinesischen Führungskräfte zwangen den Tibetern ihre starre und fremde Ideologie auf und zeigten nicht den geringsten Respekt für die einzigartige Kultur, Religion und Lebensart des tibetischen Volkes. Aus lauter Verzweiflung kam es dann zu einem Aufstand des tibetischen Volkes gegen die Chinesen. Schließlich musste ich 1959 aus Tibet fliehen, um dem tibetischen Volk weiterhin dienen zu können.
Während der vergangenen vier Jahrzehnte seit meiner Flucht stand Tibet unter der harschen Kontrolle der Volksrepublik China. Die unglaubliche Zerstörung und das menschliche Leid, das über das tibetische Volk kam, sind heutzutage wohl bekannt, weshalb ich auf diese traurigen und schmerzhaften Vorkommnisse nicht weiter eingehen möchte. Die 70 000- Zeichen lange Petition des alten Panchen Lama an die Regierung Chinas mag als vielsagendes, historisches Dokument dienen, um Chinas drakonische Politik und Taten in Tibet zu verdeutlichen. Tibet ist heute noch immer ein besetztes Land - mit Gewalt unterdrückt und vom Leid gezeichnet. Trotz mancher Entwicklung und wirtschaftlichem Fortschritt hat Tibet noch immer gewaltige Überlebenskämpfe durchzustehen. Schwerwiegende Verletzungen der Menschenrechte sind in Tibet weitverbreitet und sie sind oft das Resultat einer Politik, die rassistische und kulturelle Diskriminierung betreibt. Trotzdem sind dies nur Symptome und Konsequenzen eines tieferliegenden Problems. Die chinesischen Führungskräfte sehen in Tibets unterschiedlicher Kultur und Religion die mögliche Ursache für eine Abspaltung von ihnen. Deswegen, aus diesen politischen Beweggründen also, steht ein ganzes Volk mit seiner einzigartigen Kultur und Identität unter Gefahr, vollkommen ausgelöscht zu werden.
Ich habe den Freiheitskampf Tibets auf einen Pfad der Gewaltlosigkeit gelenkt und habe beständig nach einer für beide Seiten akzeptablen Lösung der Tibetfrage gesucht, indem ich die Verhandlungen mit China in einem Geist der Versöhnung und der Kompromissbereitschaft geführt habe. In eben diesem Geist habe ich 1988 hier in Straßburg, vor diesem Parlament, einen formalen Verhandlungsentwurf vorgestellt, der, so hatten wir gehofft, als Grundlage für eine Lösung der Tibetfrage dienen könnte. Ich hatte als Ort, an dem ich meine Überlegungen zu den Rahmenverhandlungen vorstellen wollte, bewusst das Europäische Parlament gewählt, um damit den Umstand zu betonen, dass eine wahrhaftige Gemeinschaft nur dann freiwillig zusammenwirken kann, wenn alle Beteiligten genügend Nutzen davon haben. Die Europäische Union ist ja ein deutliches und anregendes Beispiel dafür. Auf der anderen Seite kann ein Land oder eine Gemeinschaft in zwei oder mehr Teile zerfallen, wenn es ihr im Inneren an Vertrauen und an gemeinsamem Nutzen fehlt und wenn Gewalt als hauptsächliches Machtmittel eingesetzt wird.
Mein Vorschlag, der dann später als "Ansatz des mittleren Wegs" oder als "Straßburg Entwurf" bezeichnet wurde, sieht vor, dass Tibet eine tatsächliche Autonomie innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen der Volksrepublik China erhalten würde. Allerdings keine bloße Autonomie auf dem Papier, wie sie uns vor 50 Jahren im 17-Punkte-Abkommen auferlegt wurde, sondern wir wollen ein echtes, selbstbestimmtes, wirklich autonomes Tibet, in dem ausschließlich die Tibeter für ihre inneren Angelegenheiten zuständig sein würden, einschließlich Fragen der Schulbildung, religiöser Angelegenheiten, kultureller Angelegenheiten, der Bewahrung ihrer empfindlichen und kostbaren Umwelt sowie der Wirtschaft vor Ort. Beijing würde dagegen weiterhin für die Auslandsbeziehungen und für die äußere Verteidung zuständig sein. Diese Lösung würde Chinas internationales Ansehen stärken und zu mehr Stabilität und Einheit - den beiden Top-Prioritäten Beijings - führen, während den Tibetern gleichzeitig ihre Grundrechte zugesichert würden und ihnen die Freiheit garantiert würe, ihre eigene Zivilisation zu erhalten und die empfindliche Umwelt der tibetischen Hochebene zu bewahren.
Seither hat unsere Beziehung zu China viele Wendungen und Rückschläge erfahren. Sehr zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass der fehlende politische Wille von Seiten der chinesischen Führung sich der Tibetfrage ernsthaft anzunehmen, jeglichen Fortschritt verhindert hat. Meine Bemühungen und Ansätze über all die Jahre, die chinesische Führungsrige in einen Dialog einzubinden, stieß auf keinen Widerhall. Im vergangenen September habe ich über die chinesische Botschaft in Neu Delhi unserem Wunsch Ausdruck verliehen, eine Delegation nach Beijing reisen zu lassen, um dort ein detailliertes Memorandum zu überreichen, das meine Überlegungen zur Tibetfrage behandelt und um dort die Punkte zu erläutern und zu besprechen, die in diesem Memorandum aufgeführt werden. Ich wollte damit deutlich machen, dass wir durch persönliche, direkte Begegnungen Missverständnisse eher klären und das Misstrauen leichter überwinden könnten. Ich verlieh meiner festen Überzeugung Ausdruck, dass wir ohne größere Schwierigkeiten eine für beide Seiten akzeptable Lösung finden würden, wenn wir einmal diesen Kernpunkt des gegenseitigen Misstrauens überwunden hätten. Aber die chinesische Regierung weigert sich bis heute meine Delegation zu empfangen. Es ist offensichtlich, dass sich die Position Chinas im Vergleich zu jener in den 80er Jahren sehr verhärtet hat - damals wurden sechs exil-tibetische Delegationen empfangen. Was Beijing auch immer für Erklärungen hinsichtlich der Kommunikation zwischen der chinesischen Regierung und mir abgibt: Ich möchte hier klarstellen, dass die chinesische Regierung sich weigert mit den Vertretern zu sprechen, die ich für diese Aufgabe bestimmt habe.
Das Versagen der chinesischen Führung auf meinen "Ansatz des mittleren Weges" positiv zu reagieren, bestätigt den Verdacht des tibetischen Volkes, dass die chinesische Regierung nicht das geringste Interesse an einer friedlichen Koexistenz mit uns hat. Viele Tibeter glauben, dass China auf eine vollständige gewaltsame Assimilation baut und dass Tibet ganz innerhalb Chinas aufgehen soll. Sie verlangen die Unabhängigkeit Tibets und kritisieren meinen "Ansatz des mittleren Weges". Andere verlangen ein Referendum in Tibet. Sie argumentieren dahingehend, dass, wenn die Bedingungen innerhalb Tibets tatsächlich so sind, wie die chinesischen Führungskräfte sie darstellen und wenn die Tibeter wirklich alle so glücklich sind, es dann keinen Grund geben dürfte, dort keinen Volksentscheid durchzuführen. Ich war auch immer dafür, dass letztlich die Tibeter selbst über die Zukunft Tibets
entscheiden sollten, so wie es auch Pandit Jawaharlal Nehru, der erste Premierminister Indiens, am 7. Dezember 1950 vor dem Indischen Parlament konstatiert hat: "Die letzte Instanz Tibet betreffend, sollte die Stimme des tibetischen Volkes sein und sonst keine."
Während ich nach wie vor jede Form der Gewalt in unserem Freiheitskampf ablehne, haben wir dennoch jedes Recht, alle anderen politischen Möglichkeiten auszuschöpfen, derer wir uns bedienen können. Ich bin ein unerschütterlicher Vertreter von Freiheit und Demokratie und habe die Exil-Tibeter stets dahingehend bestärkt, demokratischen Regeln zu folgen. Heutzutage gehören die tibetischen Flüchtlinge zu den wenigen Gemeinschaften im Exil, die die drei Pfeiler der Demokratie verankert haben: Legislative, Judikative und Exekutive. Dieses Jahr haben wir einen weiteren großen Schritt im Demokratisierungsprozess gemacht, indem wir den Vorsitzenden des Tibetischen Kabinetts durch das Volk haben wählen lassen. Der gewählte Vorsitzende des Kabinetts und das gewählte Parlament werden sich die Verantwortung teilen, sich als rechtmäßig gewählte Vertreter des Volkes um die Angelegenheiten des tibetischen Volkes zu kümmern. Nichts desto trotz sehe ich es als meine moralische Verpflichtung gegenüber sechs Millionen Tibetern an, die Tibetfrage mit der chinesischen Führung weiterhin aufzugreifen und als freier Sprecher des tibetischen Volkes zu wirken, bis wir eine Lösung gefunden haben.
Angesichts des Ausbleibens jeglicher positiver Reaktion von Seiten der chinesischen Regierung auf meine vielfältigen Bemühungen über all die Jahre, habe ich keine andere Alternative als an die Mitglieder der Internationalen Gemeinschaft zu appellieren. Jetzt ist es deutlich geworden, dass nur zunehmende, ernsthafte und konstante internationale Bemühungen Beijing dazu bringen werden, seine Tibetpolitik zu ändern. Obwohl die unmittelbaren Reaktionen von Seiten der Chinesen zunächst höchstwahrscheinlich negativ ausfallen werden, glaube ich dennoch daran, dass der Ausdruck der Besorgnis seitens der Internationalen Gemeinschaft und ihre Unterstützung unbedingt notwendig sind, ein Klima zu schaffen, das eine friedliche Lösung der Tibetfrage ermöglicht. Ich, von meiner Seite, verpflichte mich nach wie vor dem Dialog. Es ist meine feste Überzeugung, dass der Dialog und die Bereitschaft mit Ehrlichkeit und Klarheit auf die wirkliche Lage Tibets zu blicken, uns zu einer für beide Seiten befriedigenden Lösung führen kann, die zur Stabilität und Einheit der Volksrepublik China beitragen wird und das Recht des tibetischen Volkes sichert, in Freiheit, Frieden und Würde zu leben.
Brüder und Schwestern im Europäischen Parlament, ich sehe mich selbst als einen in Freiheit lebenden Sprecher für meine in Gefangenschaft gehaltenen Landsleute an, für die Männer und Frauen. Es ist meine Pflicht, für sie zu sprechen. Ich spreche nicht aus einem Geist des Zornes oder Hasses gegenüber denjenigen heraus, die für das unglaubliche Leid unseres Volkes, für die Zerstörung unseres Landes, unserer Häuser, Tempel, Klöster und Kultur verantwortlich sind. Auch sie sind menschliche Wesen, die darum kämpfen, glücklich zu sein und sie verdienen unser Mitgefühl. Ich spreche zu Ihnen, um Sie über die traurige Lage in meinem Land und über die Bestrebungen meines Volkes zu informieren, weil wir in unserem Kampf um die Freiheit als einzige Waffe nur die Wahrheit haben. Heutzutage ist unser Volk, unser kostbares kulturelles Erbe und unsere nationale Identität vom Aussterben bedroht. Wir brauchen Ihre Unterstützung, um als Volk und als Kultur überleben zu können.
Wenn man auf die Lage innerhalb Tibets blickt, scheint sie fast hoffnungslos, angesichts der zunehmenden Unterdrückung, fortschreitenden Umweltzerstörung und systematischen Untergrabung tibetischer Kultur und Identität. Trotzdem glaube ich, dass egal wie groß und mächtig China auch immer sein mag, China doch ein Teil dieser Welt ist. Der globale Trend heutzutage geht in Richtung mehr Offenheit, Freiheit, Demokratie und Achtung der Menschenrechte. Früher oder später wird sich China diesem weltweiten Trend anpassen müssen und auf lange Sicht gesehen, kann China weder der Wahrheit, noch der Gerechtigkeit, noch der Freiheit entkommen. Das beständige und grundsätzliche Engagement des Europäischen Parlaments in China wird diesen Prozess des Wandels beschleunigen, der dort bereits begonnen hat. Zumal die Tibetfrage sehr eng mit dem verbunden ist, was innerhalb Chinas bereits geschieht, denke ich, dass Grund zur Hoffnung besteht.
Ich möchte dem Europäischen Parlament für seinen steten Ausdruck der Besorgnis und seine Unterstützung für den gewaltlosen tibetischen Freiheitskampf danken. Ihre Sympathie und Unterstützung waren dem tibetischen Volk, innerhalb und außerhalb Tibets stets eine Quelle der Kraft und Zuversicht. Die vielen Resolutionen des Europäischen Parlaments die Tibetfrage betreffend, haben außerordentlich dazu beigetragen, die Forderungen des tibetischen Volkes zu unterstreichen und die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und der Regierungen Europas und der Welt für die Tibetfrage zu wecken. Ich wurde besonders durch jene Resolution des Europäischen Parlaments ermutigt, in der ein EU-Beauftragter für Tibet verlangt wurde. Ich bin fest davon überzeugt, dass es die Umsetzung dieser Resolution der Europäischen Union ermöglicht, nicht nur eine friedvolle Lösung der Tibetfrage durch Verhandlungen zu schaffen, die in einem beständigeren, effektiveren und kreativerem Rahmen abgehalten werden können, sondern dass sie auch Unterstützung für andere berechtigte Bedürfnisse des tibetischen Volkes bieten kann, die es uns möglich machen, Wege zu finden, unsere Identität zu bewahren. Diese Initiative wird Beijing auch als Zeichen verstehen, dass die Europäische Union die Lösung der Tibetfrage ernsthaft befürwortet und unterstützt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ihr beständiger Ausdruck der Besorgnis und der Unterstützung für Tibet langfristig eine positive Wirkung zeitigt und mithilft ein politisches Klima für einen konstruktiven Dialog bei der Tibetfrage zu schaffen. Ich bitte Sie, um weitere Unterstützung Tibets, jetzt, da wir in der Geschichte unseres Land einen äußert kritischen Punkt erreicht haben. Ich danke Ihnen, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, Ihnen meine Überlegungen darzulegen.
Vielen Dank.
(Nichtautorisierte Übersetzung aus dem Engl. Dr. Annette Rehrl) |